15 Pura Penataran Agung Besakih

15.1 Lageplan

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15.2 Plan

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15.3 Beschreibung

15.3.1 Kurzbeschreibung

Der in Bali als der heiligster Tempel, als so genannter Muttertempel verehrte Pura Besakih ist einer der 5 Staatstempel der Insel, neben dem Pura Tanah Lot, dem Pura Batukau, dem Pura Goa Lawah und dem Pura Ulu Watu. Die Anlage dieses bedeutsamen Heiligtums befindet sich in ca. 1000m Höhe über dem Meeresspiegel an einem steilen Hang der Südwestflanke des Gunung Agung, dem höchsten Berg Balis, der als Thron der Götter verehrt wird und für den Großteil der balinesischen Bevölkerung als Fixpunkt des essentiellen Orientierungssystems – als Kaja – dient.

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Der gegenwärtige Komplex Pura Besakih – von dem der Pura Penataran Agung Besakih eines von drei Hauptheiligtümern darstellt – umfasst rund 30 Einzelkomplexe und insgesamt etwa 200 Bauwerke, und ist terrassenförmig angelegt, was einerseits symbolische Bedeutung hat, andererseits auch als die bauliche und konstruktive Lösung der Lage an einem Hang verstanden werden kann.
Drei Hauptheiligtümer dominieren die Anlage. Der wichtigste und heiligste Tempel, der auch den Endpunkt der ca. 1km langen Prozessionsallee darstellt, ist der Pura Penataran Agung Besakih, der der Gottheit Sanghyan Widhi Wasa in seiner wichtigsten Erscheinungsform Shiva gewidmet ist. Dieses Heiligtum schließt rund 60 Einzelbauten auf sieben hintereinander gereihten Terrassen ein, wobei sich der wichtigste Schrein – der dreisitzige Lotosthron, der Ehrensitz für Sanghyang Widhi Wasa – auf der zweiten Terrasse, im Haupthof, befindet. Das zweite Hauptheiligtum, östlich des Pura Penataran Agung Besakih, ist der Gottheit Brahma gewidmet und trägt den Namen Pura Kiduling Kreteg. Westlich des Pura Penataran Agung Besakih wurde das dritte, der Gottheit Vishnu gewidmete Hauptheiligtum, der Pura Batu Madeg errichtet. Die bauliche Realisierung dieser drei Tempel symbolisiert somit auch die hinduistische Dreieinigkeit, „Trimurti“ genannt.
Außer diesen drei Hauptheiligtümern ist die gesamte Anlage, rund um den Pura Penataran Agung Besakih noch durch zahlreiche Nebenheiligtümer bereichert. Jede Sippe und jede Berufszunft, jede (Dorf-)Gemeinschaft unterhält im Pura Besakih Schreine und Altäre, die aus dem Bestreben, eine Verbindung des Zentralheiligtums mit dem eigenen Tempel herzustellen, errichtet wurden. Auch ein jedes Fürstengeschlecht kann im Pura Besakih auf einen eigenen Tempelbezirke zurückgreifen. Das gleichzeitige, gelebte sowie in gebauter Weise manifestierte Nebeneinander – wenn auch von unterschiedlichem Stellenwert – von Hauptheiligtümer und Nebenheiligtümern suggeriert die symbolische Anerkennung jedes Einzelnen, egal welcher Kategorie zugehörig, sogar neben den Gottheiten, und stellt den Muttertempel als Symbol der Einheit der Hindu-Dharma Religion dar.

Die gesamte Anlage des Pura Besakih wurde über einen Zeitraum von vielen Jahrhunderten ständig ausgebaut und erweitert, wobei genaue Angaben zur Baugeschichte je nach Quelle variieren.
Schon die Bali Aga sollen den Ort, an dem heute die riesige Anlage steht, für religiöse Rituale und Verehrungsfeiern einer heute unbekannten Berggottheit genutzt haben. Im Allgemeinen soll die unbefestigte Anlage am Hang des Gunung Agung in der prä-hinduistischen Zeit um 800 n. Chr. gemäß einer Überlieferung dem legendären Priester Sanghyang Markandeya aus Java als hinduistische Kultstätte gedient haben.
Im 10. Jahrhundert soll der Herrscher Kesari Wamadura schließlich einen Tempelkomplex gegründet haben, was auch als der eigentliche Beginn einer Bautätigkeit gelten kann. Vor allem im 11. Jahrhundert wurden an jener Stelle belegte hinduistisch-shivaitische Tempelrituale abgehalten. Inschriften ist zu entnehmen, dass um 1007 die Totenfeier für Königin Mahendradatta, die Gattin von König Udayanas, der im Jahr zuvor verstorben war, abgehalten wurde.
Die Gelgel-Klungkung-Dynastie erhob die bestehende Tempelanlage im 15. Jahrhundert dann zum Staatstempel und fügte eine Reihe von kleineren Tempeln zu Ehren deifizierter Herrscher hinzu. Viele bauliche Erweiterungen wurden in jener Zeit der Gelgel-Klungkung-Dynastie unternommen.
Heute gilt der Pura Besakih als Muttertempel für die Bevölkerung Balis und offiziell als Tempel der Provinz- und Landesregierungen, die unter anderem für seinen Unterhalt aufkommen.


15.3.2 Achsen

Durch seine außergewöhnliche Lage direkt am Hang des Gunung Agung ist die Ausrichtung des Pura Penataran in der Kaja – Kelod Richtungslinie selbstverständlich dem ideellen Ansatz entsprechend als erfüllt anzusehen. Das gesamte Achsenkreuz ist jedoch in gewisser Weise verzerrt, da die Kangin – Kauh Richtungslinie nicht mit den tatsächlichen Himmelsrichtungen Ost und West übereinstimmen. Diese marginale Veränderung der theoretischen Bedingungen des balinesischen Orientierungssystems spielen jedoch in der praktischen Anwendung – in der gebauten Umsetzung – keine unmittelbare Rolle; die Hauptrichtung Kaja–Kelod ist der Hauptbezugspunkt für die gesamte Anlage; dementsprechend kann die strenge „Korrektheit“ der Nebenachse ohne grobe Konsequenzen vernachlässigt werden.

Die Achse durch den eigentlichen Tempel – wenn man überhaupt von einer solchen sprechen kann – ist mehrfach geknickt, kann aber auch als eine Zusammensetzung von 4 oder sogar 5 Achsen betrachtet werden. Zu diesem Schluss gelangt man durch eine Analyse der Grundrisssituation, die von der Annahme ausgeht, dass die Achsen mittig durch die Tore in den Schwellenbereichen des Tempels verlaufen.

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Es stellt sich allerdings die Frage, ob dieser Knickachse eine bestimmte Absicht zugrunde gelegt werden kann, oder ob es sich topographische Gründe, oder lediglich um Ungenauigkeiten bei der Errichtung der Anlage handelt.
Für die letztere Annahme, welche die Inkonsequenz der Achsenführung auf Ungenauigkeiten bei der Ausführung des Baus zurückführt, würde das fehlende bzw. nicht offensichtliche, oder sogar undurchschaubare System der geknickten Achse sprechen.
Für die erstere Annahme spricht andererseits, dass das Bestreben, der Anlage eine bestimmte Konzeption und ein eindeutiges System zuzuordnen – die sich auf eine axiale Ausrichtung und das Ideal der Symmetrie zu stützen scheint –, aus den Grundrissen und auch den Ansichten ablesbar ist. Man kann weiters davon ausgehen, dass aufgrund des Bewusstseins über die außerordentliche spirituelle, transzendente und historische Bedeutsamkeit des Bauplatzes und des dort errichteten Tempels, auch die Umsetzung – die Bauarbeiten – unter besonders strengen Voraussetzungen stattgefunden hat, also Vorgaben, einem Konzept oder sogar einem Plan folgte. Auch der Verlauf der Achse auf der letzten Terrasse widerspricht der Annahme von Willkür in der Planungs- und Bauphase des Pura Penataran Agung Besakih. Die Achse bildet die Symmetrieachse zwischen den beiden Pavillons – dem Ratu Bukit Kiwa (Herr des Berges links) und dem Ratu Bukit Tengen (Herr des Berges links).
Außerdem kann man die Fähigkeit der Balinesen, Kultstätten einem strengen Prinzip zufolge anzulegen, in zahlreichen Tempeln – vor allem im Norden der Insel – überprüfen.


15.3.3 Symmetrie

Auch wenn man nicht von einer konsequent geradlinig geführten Symmetrieachse ausgehen kann, ist eine symmetrische, offensichtlich zweigeteilte Anordnung, stets angelehnt an die Orientierungsregeln des Nawa Sanggah-Prinzips, zu erkennen. Die Pavillons sind auf beiden Seiten der Achse angeordnet und determinieren damit auch die Wegführung durch den Tempelkomplex. Die geometrische Symmetrie ist vor allem auf der ersten Terrasse deutlich zu erkennen, an dem sich sogar die Größe der Pavillons auf der gegenüberliegenden Seite wiederholt und der genaue Standort an der Achse zu spiegeln scheint. An den nachfolgenden Terrassen reiht sich das geometrische Verständnis von Symmetrie erkennbar den Orientierungsregeln unter, in denen sich die Bedeutung der Pavillons widerspiegelt.


15.3.4 Auffälligkeiten

Der Treppenaufgang zum Candi Bentar des Pura Penataran Agung Besakih reicht über 8 Terrassenstufen und wird flankiert von mythologischen Figuren aus dem Mahabharata-Epos, die auch meist mit Stoffen in den Farben des verehrten Gottes Sanghyang Widhi Wasa sowie Blumen geschmückt sind.

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Bei den Figuren handelt es sich um mythologisch als dem Bösen zugehörige weibliche Gestalten, die beim Bergaufsteigen rechts zu finden sind, und um als gute geltende männliche Skulpturen, die an der gegenüberliegenden Seite der Treppe angeordnet sind. Alle Figuren werden mit schwarz-weiß-karierten Tüchern geschmückt, die den Gegensatz von gut = weiß und böse = schwarz symbolisieren. In kaum einem anderen Tempel wird der Aufgang zum gespaltenen Tor so zelebriert wie beim Pura Penataran Agung Besakih.

Nicht dem Orientierungssystem entsprechend befindet sich der Lotusthron Padmasana Tiga (Sanggar Agung), die wichtigste Einheit in einem balinesischen Tempel – traditionellerweise im Kaja-Kangin Bereich des Tempelkomplexes – bereits auf der zweiten Terrasse, im Haupthof der Anlage, also nicht im hintersten Bereich, der dem Berg (Kaja) am nächsten steht. Würde man diese Terrasse als eigene, abgeschlossene Einheit betrachten, wäre das Ordnungsprinzip erfüllt.

Die Lage der gesamten Anlage des Pura Besakih an einem Hang des Gunung Agung kann nicht als zufällig interpretiert werden.
Laut der mythologischen Überlieferung errichteten die Götter Throne auf Bergen, demzufolge der Gunung Agung als höchster Thron im Osten der Insel (Kangin) und somit als Ehrenplatz Balis für die Götter gilt. Außerdem stellt, wie schon eingangs kurz erwähnt, dieser Berg einen essentiellen Teil der Orientierungsregeln bzw. -gebote des Nawa Sanggah dar (Kaja = Berg, Kelod = Meer, Kangin = Sonnenaufgang, Kauh = Sonnenuntergang). Er repräsentiert die positiv konnotierte Kaja-Richtung, die sogenannte Berg-Richtung, und steht als Pendant bzw. Gegensatz zur negativ assoziierten Kelod- oder Meer-Richtung. Er dient somit als Ersatz, als direkter Bezug bzw. Re-Interpretation der balinesischen Ausformulierung des Hinduismus für den „Himmelsberg“, den Berg Mahameru, der den transzendenten Mittelpunkt des Universums symbolisiert.
Darüber hinaus impliziert die natürliche, naturgebundene Bedrohung, die scheinbar willkürliche und unbändige Übermacht, die der Gunung Agung durch seine vulkanische Aktivität darstellt, eine bereits historisch geltend gemachte Stätte der Ehrfurcht und Ehrerbietung. Täglich beobachtbare Phänomene, Naturschauspiele, aber auch -katastrophen stellen ferner reale Bezüge zu jener Bedeutung des Vulkans dar und lassen es zu, diese Stätte als einen Ort transzendenter Begegnungen sowie Ursachenfindung zu allegorisieren.

Die symbolische Hanglage und der damit verbundene erforderliche Aufstieg zum Heiligtum, der mit physischem Kräfteverbrauch und unter Umständen auch körperlicher Erschöpfung einhergeht, konstituieren jedoch auch weitere Phänomene. Es liegt zum Beispiel nahe, die erforderliche bzw. geforderte Anstrengung als bewusstes Hindernis, als Erschwernis zu empfinden, welche somit als Bedingung für das Erreichen des Muttertempels interpretiert werden können. Durch die physische Anstrengung, die scheinbare Behinderung und Verzögerung des Erreichens des Ziels bekommt der Enderfolg einen höheren Stellenwert in den Augen bzw. im Empfinden des Menschen, des Gläubigen. Diese „Erhöhung“ erfolgt unter anderem durch das Bestreben des Menschen, seine Mühen zu rechtfertigen und zu begründen: Psychische Dissonanz wird verhindert (nach dem Motto, der Mensch strebe nach Harmonie und Einklang) und der Sinngebungsprozess wird angekurbelt (nach dem Motto, der Mensch strebe nach Sinn in seinem Leben und in seinem Tun). Überdies beschreibt der Aufstieg, der Gang zu dem heiligsten aller Tempel auch ein psycho-soziales Phänomen, da er meist in und für die Gemeinschaft unternommen wird und als Ziel, neben der vorrangigen Götterverehrung, die Schreine der jeweiligen Zunft, Sippe oder Gemeinschaft in Aussicht stellt.

Die Aufgangs- oder Prozessionsallee, eine lange, 1 km lange kontinuierlich ansteigende Gerade, repräsentiert einen Weg, der durch seine Länge Zeit zur Reflexion, zum Nachdenken und vor allem zur Besinnung (innere Erleuchtung, Reinwerdung) anregen und genutzt werden soll. Sie fungiert aber darüber hinaus noch als richtungsgebendes, repräsentatives architektonisches Element (auf der Meta-Ebene), das auf das Ziel im lokalen Sinn – die Tempelanlage in ihrer baulichen Wirklichkeit –, im spirituellen Sinn – die Opferbringung für bzw. die Verehrung der Götter – und im transzendenten Sinn – der Berg, der Tempel als Ort der Götter und Symbol des Mittelpunkt des Universums – ausrichten soll.

Nicht zuletzt trägt auch die „Abgelegenheit“ der Anlage zu ihrer besonderen und einzigartigen Bedeutung bei. Die schwere geografische bzw. logistische Erreichbarkeit, die exponierte Lage des Pura Besakih geben Grund zu der Annahme, dass dadurch wiederum eine Bedeutungssteigerung erwartet werden kann – ähnlich wie bei der zuvor beschriebenen topografischen Situation. Es scheint nur der sporadische, oder besser gesagt sehr wohl überlegte Besuch möglich und erwünscht. Die erschwerte Zugänglichkeit – die auch für Touristen durch den verwehrten Zutritt zum wichtigsten Hauptheiligtum, dem Pura Penataran Agung Besakih marginal spürbar wird – suggeriert einen Mangel, der wiederum die Wichtigkeit, die Bedeutung und den Stellenwert impliziert. Somit erhält der Anlage des Pura Besakih einen weiteren der vielen, hier weder vollständig, noch zur Gänze erörterten, besonderen Aspekte.

 

15.4 Quellen

15.4.1 Literatur

HÜLSEBUSCH Kerstin, SCHULZ Andreas, Bali, vista pocket guide, Köln 2,, 2002, ISBN 3-88973-325-5
GUTHRIE HAER Debbie, MORILLOT Juliette, TOH Irene, Bali – A traveller’s companion, Singapore 2, 2001, ISBN981-3018-49-6
die textwerkstatt, Pfullingen, Baedeker Redaktion, Baedeker Allianz Reiseführer – Bali, Ostfildern bei Stuttgart 1, 1994, ISBN 3-87504-121-6
SPITZING Günter, Bali, DuMont Kunst-Reiseführer, DuMont Buchverlag Köln, Köln 3, 1989, ISBN 3-7701-1382-9


15.4.2 Bildnachweis

DI Mario DIGNÖSS © 2004: 15_karte
Ao.Univ.Prof. DI Dr.techn. Erich LEHNER © 2004: 15_abb_01; 15_abb_02; 15_abb_03;15_abb_05
Irmengard MAYER © 2004: 15_abb_04
Olivia WIIMMER© 2004: 15_plan_01; 15_plan_02; 15_plan_03

 

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