ELEMENTARE ARCHITEKTUR
SKELETTBAUWEISEN
Erich Lehner

 
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Typologie der Querschnitte elementarer Skelettkonstruktionen
Im Vergleich der Querschnitt-Typen elementarer Skelettkonstruktionen, die aus starren und elastisch verformbaren Stangen errichtet werden, ist zu erkennen, daß ein rundbogenförmiger Querschnitt die beste Raumausnutzung ermöglicht. Seine Herstellung ist allerdings etwas aufwendiger, weil die Stangen nicht nur im Untergrund verankert werden müssen, sondern auch an mehreren Stellen miteinander zu verbinden sind.
 

Errichtung einer Kreuzbogenhütte der Songhai (Nigergebiet)
Je nach Bauart des Bogenskeletts ergibt sich entweder ein tonnenförmiges oder ein kuppelförmiges Gebilde. Eine optimale Raumnutzung bietet die hemisphärische Kuppel; diese Hüttenform ist daher weit verbreitet, wobei eine spezifische Bauweise besonders häufig auftritt: Der Typ der Kreuzbogenkonstruktion. Die Existenz dieser Bauweise in elementaren Baukulturen verschiedener Kontinente ist ein deutlicher Hinweis auf die Polygenese elementarer Bauformen - die unabhängige Entstehung übereinstimmender Bauformen an verschiedenen Orten und in verschiedenen Zeiten.

Durch das bogenförmige Verbinden gegenüberstehender Stangen oder Ruten entsteht an deren Fußenden Seitenschub, der die feste Verankerung der Skelettelemente im Boden erfordert. Prinzipiell wäre somit die Kreuzbogenhütte ein Bautyp, der für Kulturen von Seßhaften charakteristisch ist. Aber manchmal findet er auch für temporäre Behausungen von Nomaden Anwendung: Aufgrund der Schalenwirkung, die durch das räumliche Netz der Kreuzbogenverbindung entsteht, können auch schwache Ruten, oder Zweige von Büschen verwendet werden, deren Gewinnung wenig Aufwand erfordert. Voraussetzung ist allerdings, daß das entsprechende Baumaterial an Ort und Stelle verfügbar ist; Kreuzbogenhütten werden beim Weiterziehen der Bewohner nicht mittransportiert, sondern zurückgelassen und dem Verfall preisgegeben.
 

Phasen der Herstellung einer Kreuzbogenhütte der Zulu
Die "klassische" Form der Kreuzbogenhütte findet sich bei den Zulu, seßhaften Getreidebauern und Großviehzüchtern in Südafrika. Hier zeigt sich, daß die Errichtung dieses Bautyps bereits eine gewisse vorbereitende Planung erfordert: Vor Beginn der Bauarbeiten muß der Grundriß des Bauwerks bestimmt werden, wonach man einen Graben aushebt, um darin die flexiblen Stangen des Skeletts einzusetzen und festzustampfen. Einander gegenüberliegende Ruten werden sodann kreuzbogenförmig verbunden, sodaß ein weitmaschiges räumliche Gitter in Form einer hemisphärischen Kuppel entsteht. Durch die Kreuzbindung ergibt sich eine Schalenwirkung von hoher Steifigkeit.
 

Zulu-Dorf
Die Kreuzbogenhütten der Zulu werden mit Strohmatten gedeckt. Aber es gibt auch offene Strukturen, deren Herstellungsweise jenen der Wohnhäuser ähnelt: Viehkraale, in denen die Rinder als wertvollstes Gut der Bewohner inmitten des Dorfs gehalten werden. Die Umzäunung dieser Hürden besteht aus Ruten, die in einen kreisförmigen Graben eingesetzt und durch Feststampfen verankert werden - die gleiche Art der Herstellung also, wie sie den ersten Phasen des Wohnhausbaus entspricht.

Kreuzbogenhütte der Usbeken
Eine ähnliche Form der Kreuzbogenhütte errichten auch die Usbeken (Özbek), die heute noch teilweise als halbnomadische Viehzüchter in Jurten leben (vgl. das Kapitel "Jurte"), zum größeren Teil aber als seßhafte Ackerbauern im Gebiet von Usbekistan und dem nördlichen Afghanistan siedeln. Der hier gebräuchliche Bautyp der Kreuzbogenhütte als Dachhaus mit einer Kuppelschale, deren Festigkeit auf den hemisphärischen Gestalt ihres Netzes elastischer Ruten beruht, besitzt keinerlei konstruktive oder formale Verwandtschaft mit der Jurte, obwohl die Proportionen des Innenraums ein vergleichbares Raumerlebnis vermitteln.
 

Kreuzbogenhütte der Alakaluf (Magellan-Archipel / Südamerika)
Eine interessante Variante der Kreuzbogenhütte findet sich bei den Alakaluf, die den Magellan-Archipel, westlich von Feuerland, bewohnen. Die Alakaluf, die zu den primitivsten Ethnien der Erde gehören, sind Nomaden, Jäger und Sammler, die auf ihren Wanderungen temporäre Behausungen errichten.

Die Bauform ihrer Kreuzbogenhütten ist aus mehreren Gründen außergewöhnlich:
Zum Einen ist das Stangengerüst im Boden verankert, wie es eigentlich für Bauten von Seßhaften charakteristisch wäre. Es handelt sich hier allerdings nur um seicht eingegrabene Buschwerkzweige, die nicht mittransportiert werden, sondern die man an Ort und Stelle beschafft und nach dem Weiterziehen der Bewohner zurückläßt.
Zum Anderen bildet die Kreuzbogenkonstruktion keine homogene Struktur, sondern besteht eigentlich aus zwei miteinander verbundenen Halbkuppeln, deren jede als konstruktiv selbständige Einheit dem Typ eines Windschirms entspricht, einer Bauform, wie wir sie bei anderen primitiven Ethnien, wie beispielsweise den Buschmännern (Kalahari / Südafrika) finden. Bei den Alakaluf scheint die Rundhütte demnach kein primärer Bautyp zu sein, sondern sich aus der Kombination zweier gegeneinandergestellter Windschirme entwickelt zu haben.
 

Wikiup der Apachen

Auch in Nordamerika tritt der Typ der Kreuzbogenhütte in verschiedenen Varianten auf. In einfacher Ausführung finden wir ihn bei den Apachen, die den Bautyp als "Wikiup" bezeichneten und auf ihren Zügen als temporäre Behausung errichteten.

Ähnlich wie in dem vorhin erwähnten Beispiel werden auch hier Zweige und Äste von Büschen verwendet, die man an Ort und Stelle vorfindet, und ebenso werden diese seicht im Boden eingegraben und überkreuz verbunden. Eine zusätzliche Aussteifung, die eine Schalenwirkung erzeugt, erfährt die Kreuzbindung des Wikiup durch horizontal angeordnete Reifen aus biegsamen Ruten, an denen die Deckung befestigt wird, die im Allgemeinen aus Gras besteht.

Die Verankerung des Skeletts im Boden, die eigentlich dem temporären Charakter des Bauwerks widerspricht, ist - ähnlich wie bei der Kreuzbogenhütte der Alakaluf - wegen der geringen Eigenfestigkeit des Baumaterials erforderlich. Der Unterschied zwischen Bauwerken, die der nomadischen Lebensweise entsprechen, und solchen, die von Seßhaften errichtet werden, drückt sich beim Wikiup nicht im prinzipiellen Aufbau aus, sondern in graduellen Unterschieden: Jene Wikiups, welche die Apachen nach ihrer permanenten Ansiedlung in Reservaten errichteten, besaßen ein wesentliche festeres Grundgerüst, welches aus Jungstämmen bestand, die außerdem viel tiefer im Boden eingegraben wurden. Damit fand der Übergang von nomadischer zu seßhafter Lebensweise auch hier einen deutlichen Ausdruck in der Bauweise.