INSTITUT FÜR BAUKUNST, BAUAUFNAHMEN UND ARCHITEKTURTHEORIE  •  TECHNISCHE UNIVERSITÄT WIEN
AUSSEREUROPÄISCHE BAUKUNST  •  SEMINAR SKELETTBAUTEN DER INDIANER NORDAMERIKAS  •  Ao.Univ.Prof. DI Dr. Erich Lehner

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T I P I


Ti = "Behausung", "Wohnstätte"
Pi = "benützt zum / als / für"
Tipi (ein Sioux-Wort) bedeutet also soviel wie "als Wohnstätte benützt".

Die nomadisierenden Indianerstämme der Great Plains benötigten für ihre saisonal bedingten Umzüge sowie auch für die Jagd mobile Behausungen, die leicht zu transportieren waren.
Das Tipi, ein aus einem tragenden Stangenskelett und einer Hülle bestehendes kegelförmiges Zelt, erfüllte bestens diese Bedingungen, war vielseitig verwendbar und konnte an verschiedene klimatische Bedingungen adaptiert werden.
Die meisten Stämme, die Tipis verwendeten, sind in historischer Zeit (17./ 18. Jhdt.) in die Great Plains abgewandert (Verteilung der Stämme siehe Karte). Selbst seßhafte Bodenbauern wurden in dieser Zeit zu nomadisierenden Jagdvölkern, welche die Plains als ständigen Aufenthaltsort wählten und von der Bisonjagd lebten. Während der Wanderungen gab es viele Kontakte zwischen den Stämmen, daher ist eine stammesabhängige Entstehung und Verbreitung des Bautyps Tipi kaum nachzuverfolgen. Die Variationen im Detail der Struktur sind so vielseitig und so zahlreich, dass damit auch Verwandtschaften zwischen den Stämmen nicht nachvollziehbar sind.
Das Klima der Great Plains ist nicht einheitlich. Aufgrund der geringen Niederschläge überwiegt vor allem im Westen und Süden ein halbwüstenartiges Terrain mit spärlich verteilten Büschen und Kakteen. Im Osten jedoch fällt mehr Regen, und die Prärien sind grün. Das Gras wächst hier höher und üppiger, wohingegen es weiter westlich kürzer wird. Das "Büffelgras" ist für viele Tiere eine wichtige Nahrungsquelle; die Plains sind somit auch das Kerngebiet der früher so zahlreichen Bisons. In den nördlichen Hochebenen befinden sich Waldgebiete. Hier können in den Wintermonaten arktische Stürme mit Temperaturen bis zu -30 Grad Celsius auftreten, während im Hochsommer brütende Hitze herrscht, mit Sandstürmen und schweren Gewittern.
Die Indianerstämme, welche in diesen Waldgegenden siedelten, errichteten kegelförmige Rindenbehausungen, über die man nur wenig weiß. Man kann heute nicht mehr feststellen, welche Art des tragenden Skeletts sie benutzten und ob sie dieses in den Tipibau übernahmen, oder ob sie durch den Kontakt mit anderen Tipibewohnern deren Bauweise übernommen hatte. Immerhin wurden Tipis schon lange vor der Besiedelung der Plains zur Jagd verwendet.
Im 17. Jahrhundert kamen mit den Spaniern Pferde in die Prärien, und gegen Ende des 18. Jahrhunderts waren fast alle Völker der Great Plains beritten. Mit der beginnenden Verbreitung des Pferdes erfuhr auch das Tipi eine weite und rasche Verbreitung. Früher wurden die zerlegten Zelte zum Transport auf Hunde gepackt (dog-packing) oder von Hunden gezogen (dog travois); es konnten also nur kurze Reisen unternommen und kurze Stangen mitgenommen werden, wodurch die Größe der Tipis stark beschränkt war. Nachdem Pferde die Transportaufgabe übernommen hatten, konnten größere Zelte konstruiert werden. An ein Pferd wurden acht bis zehn Stangen gebunden, die mit ihren Enden am Boden nachgezogen wurden und dort oftmals abgeschrägt waren, um ein besseres Gleiten zu ermöglichen. Die Stangen hatten an den schmalen Enden ein etwa 1 cm weites Loch, durch das ein Riemen führte, um sie zu bündeln. Die Enden der Riemen wurden um den Bauch des Pferdes gebunden. Längere Stangen wurden an den Spitzen über dem Rücken des Pferdes gebündelt und gekreuzt und mit einem Lederriemen verknotet. Waren die Stangen sehr lang, packte man die gefaltete Deckung auf ein gesondertes Travois.
Für den Transport eines durchschnittlich großes Tipi (inklusive der Einrichtung) wurden 3 Pferde benötigt.
Ein Travois bestand aus 2 Stangen, die sich über dem Pferde- bzw. Hunderücken kreuzten. Auf diese Stangen, außerhalb der Reichweite der Hufe, wurde entweder eine rechteckige Plattform oder ein ovaler Netzring befestigt, worauf sich sämtliche Güter befanden. Transportierte ein Pferd nur Tipistangen, konnten auf beiden Seiten 7-8 Stangen, d.h. insgesamt bis zu 16 Stangen angebunden werden.

Die leicht transportable Hülle des Tipi besaß im aufgerollten bzw. aufgefalteten Zustand Halbkreisform und wurde im Allgemeinen aus Bisonhäuten, manchmal auch aus Häuten anderer Tiere, zusammengenäht. Im späten 19.Jh. fertigte man die Hülle aus Leinwand.
Die Deckung war mit Pflöcken oder mit Steinen am Boden befestigt. Die Steine bildeten die sogenannten tipi rings, die in den nördlichen Prärien noch heute zu sehen sind.
Bei niedrigen Temperaturen wurde im Inneren eine zweite (Innen-) Deckung in halber Höhe (etwa 2,5 m) aufgehängt, welche als Wärmedämmung und als zusätzlicher Schutz gegen das Durchnässen bei Regen diente. Der Raum zwischen den beiden Deckschichten wurde mit Gras als zusätzlicher Dämmung aufgefüllt oder als Stauraum verwendet. Im Sommer rollte man die Zelthülle von unten her etwas auf und gewann damit eine gute Durchlüftung.
 
Der Durchmesser des Tipi legte alle anderen Dimensionen fest. Der Halbkreis der Tipihaut besaß einen Radius, der dem Durchmesser des Grundrisses entsprach, und die Distanz zum Kreuzungspunktes der Hauptstangen war gleich dem Radius der Außenhaut bzw. dem Durchmesser des Grundrisses. Die Stangen selbst wurden in gleichen Abständen entlang dem Umfang des Grundrisses angeordnet.
Die Türöffnung befand sich meist im Osten bzw. Südosten, war also der Hauptwindrichtung abgewandt und wies in Richtung der aufgehenden Sonne.
In allen Tipis gab es eine zentrale, etwas vertieft angelegte Feuerstelle. Genau darüber befand sich eine Rauchöffnung, die justiert werden konnte, um den Zug zu regulieren und vor Regen zu schützen. Das echte Tipi war kein symmetrischer Kegel, denn in einem solchen Fall wäre die Rauchöffnung genau an der Spitze gesessen, am Kreuzungspunkt des Gestänges, und hätte somit bei Regen nicht richtig geschlossen werden können. Dieses Problem wurde durch eine asymmetrische Neigung des Tipi-Kegels gelöst: Die Rückseite verlief steiler, und auf der flacheren Vorderseite befand sich der Rauchabzug mit seinen Rauchklappen, die von zwei beweglichen, außenliegenden Stangen unterstützt und bedient wurden.
 
Es gab zwei Grundtypen von Tipis, welche alle Stämme benutzten: Entweder diente ein Dreigespärre (Dreibein) oder ein Viergespärre (Vierbein) als Grundgerüst. Die Gesamtzahl der Stangen variierte nach Größe des Tipi zwischen vierzehn und vierzig.
Das Dreibein-Tipi trat vor allem in den südlichen Plains auf und wurde von den Plains-Cree, den Ojibwa, Assiniboin, Cheyenne, Kiowa, Apache, Sioux, Arapaho, Mandan, Arikara, Pawnee, Omaha und Teton Dakota verwendet. Das vor allem in den nördlicheren Regionen verbreitete Vierbein-Tipi wurde von den Blackfoot, Ute, Crow, Shoshoni, Sarsi und Comanche, und im Großen Becken bei den Nez Perce, Kutenai und Flathead verwendet.
Weitere Unterschiede waren die Benutzung besonders langer Stangen und die Herstellung von ovalen Türöffnungen im Norden, gegenüber der Verwendung kürzerer Stangen im Süden und der Ausbildung der Eingangsöffnung dort als umgekehrtes "V", das einfach durch das beidseitige Zurückziehen der Deckung entstand.

Das Gerben der Felle, das Nähen der Zeltdecke, das Aufstellen des Tipi sowie dessen Inneneinrichtung war Aufgabe der Frauen; lediglich beim Errichten des Grundgerüstes halfen die Männer mit.
Das Aufstellen eines Tipis begann mit dem Zusammenbinden der Stangen des Drei- bzw. Vierbeins am Boden. Diese Basisstangen wurde mit einem Seilzug angehoben und in Position gebracht, wobei für das Heben von schweren Stangen ein Pferd beim Ziehen half. Danach stellte man die anderen Stangen, ausgenommen der letzten, entlang des Grundrisses auf. Nachdem die zusammengerollte Deckung an der letzten Stange befestigt wurde, konnte man diese nun ebenfalls in Position bringen und die Hülle beidseitig aufrollen. An der Vorderseite wurden danach die beiden Enden mit Weidenstiften zusammengesteckt und die Deckung schließlich am Boden befestigt. Um bei stärkerem Wind das Tipi zu stabilisieren, wurde ein Seil bzw. ein Lederriemen im Knotenpunkt befestigt und im Boden verankert.
Das Aufstellen eines Tipis dauerte, je nach Größe, etwa zwanzig Minuten bis zu einer Stunde.

Besorgten die Frauen das Aufstellen der Tipis, so waren für die Beschaffung und die Bearbeitung der Zeltstangen, sowie für die Bemalung der Deckung die Männer zuständig.
Die Malereien gaben kosmische und kultische Motive der traditionellen Stammessymbolik bzw. den Inhalt von Visionen, Träumen und Erlebnissen des Zeltinhabers wieder. Die Tipispitze war meist dunkel eingefärbt und repräsentierte den Himmel, während der ebenfalls dunkel gefärbte Bodenbereich die Erde verkörperte. Die Stangen des Tipi symbolisierten die Verbindung zwischen Himmel und Erde.
In dieser Weise wurde das Bauwerk in die kosmischen und mythologischen Vorstellungen des Stammes eingebunden.

Dagmar Mayrhofer  
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