INSTITUT FÜR BAUKUNST, BAUAUFNAHMEN UND ARCHITEKTURTHEORIE  •  TECHNISCHE UNIVERSITÄT WIEN
AUSSEREUROPÄISCHE BAUKUNST  •  SEMINAR SKELETTBAUTEN DER INDIANER NORDAMERIKAS  •  Ao.Univ.Prof. DI Dr. Erich Lehner

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(2-Balken-Typ)


P F O S T E N K O N S T R U K T I O N E N


Die indigene Architektur der pazifischen Nordwestküste ist charakterisiert durch riesig dimensionierte Wohnhäuser, die einer ganzen Sippe Raum boten. Die großzügige Dimensionierung der Wohnhäuser entsprach dem übersteigerten Repräsentationsbedürfnis der Nordküstenbewohner, in derem Gesellschaftssystem die Rangordnung vom Grad der Wohlhabenheit bestimmt wurde. Das Wohnhaus der Sippe repräsentierte den Status seiner Bewohner, ihre Abstammung und ihre Beziehungen zu übernatürlichen Kräften.
 
Der konstruktive Aufbau der Häuser variierte von Stamm zu Stamm, entsprach aber in den meisten Fällen einem Rahmenbau mit einem äußeren und einem inneren Skelett aus überdurchschnittlich kräftig ausgebildeten Elementen. Diese kräftige Dimensionierung von Pfosten und Balken erlaubte die Überbrückung großer Spannweiten: Stützenfreie Innenräume mit Flächen bis zu 400 m² konnten damit geschaffen werden.
Im äußeren Erscheinungsbild der Bauwerke blieb der Aufbau der Tragstruktur allerdings verborgen: Eine glattflächige Verplankung bildete die Außenhaut und regte zur Gestaltung mit malerischen Mitteln an, die in plakativer Weise Abstammung und mythologische Beziehungen der Bewohner darstellten.

In ihren Eigenarten, mit denen sich die Bauten der pazifischen Nordwestküste von anderen Prägungen der indigenen Architektur Nordamerikas unterscheiden, finden wir einige interessante Merkmale, die von allgemeiner Bedeutung für die Architekturgeschichte sind: Etwa die Möglichkeiten, die das groß dimensionierte Innenskelett für eine großzügige Grundrissgestaltung bietet; oder die erstaunliche Vielfalt spezieller Lösungen für Dachkonstruktionen, welche zu einem großen Teil in keiner anderen Baukultur in dieser Form auftreten. Der merkwürdigste Aspekt aber ist die strikte konstruktive Trennung von tragendem Skelett und Wandhülle: Bei manchen Stämmen war es sogar üblich, beim alljährlichen Umzug von den Winterhäusern in die Sommerquartiere die gesamte Plankenverkleidung der riesigen Wohnbauten abzutragen und mitzunehmen. Die frühen europäischen Besucher waren höchst irritiert, die Siedlungen mit ihrem gewohnten Bild von aneinandergereihten Plankenhäuser während der Sommermonate in scheinbar völlig ruinösem Zustand vorzufinden. Der Wechsel im Erscheinungsbild eines Bauwerks in den Phasen, während es bewohnt oder unbewohnt ist, hatte sich wohl in keiner Architekturtradition so deutlich ausgedrückt wie in jener der pazifischen Nordwestküste.

Roman Slawiczek
Jürgen Hackl
 
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