INSTITUT FÜR BAUKUNST, BAUAUFNAHMEN UND ARCHITEKTURTHEORIE  •  TECHNISCHE UNIVERSITÄT WIEN
AUSSEREUROPÄISCHE BAUKUNST  •  SEMINAR SKELETTBAUTEN DER INDIANER NORDAMERIKAS  •  Ao.Univ.Prof. DI Dr. Erich Lehner

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K W A K I U T L

Der Indianerstamm mit der größten Population der Nordwestküste war jener der Kwakiutl, deren 13 Unterstämme den Nordosten von Vancouver Island und das Festland entlang der Queen Charlotte Strait bevölkerten. Das Land ist von unzähligen Fjorden zerklüftet und besitzt eine große Anzahl kleiner vorgelagerter Inseln. Siedlungen entstanden hier im Allgemeinen in unmittelbarer Nähe von flachen Stränden, an denen Boote anlanden konnten.
Die Einwohnerzahl von Dörfer der Kwakiutl betrug zwischen 50 und 1000 Personen. Die satteldachgedeckten Plankenhäuser standen auf grasbewachsenen Terrassen oberhalb des Strandes; dahinter erstreckte sich schützend der dichte Wald. In dieser Lage konnte man den Küstenbereich überblicken und kaum von feindlichen Angriffen überrascht werden. Im Fall einer aussichtslosen Verteidigungssituation war es den Bewohnern möglich, durch den Hintereingang ihres Hauses zu entweichen.
Die Häuser des Kwakiutl-Dorfes wurden in Reihen errichtet, die parallel zur Küste verliefen. Größere Siedlungen bestanden aus mehreren solcher Reihen, wobei die vorderen, der Küste am nächsten gelegenen, den ranghöheren Familien vorbehalten waren.
Die ausgedehnten Zedernwälder der Region lieferten qualitätvolles Bauholz: Für das tragende Skelett verwendete man ganze Stämme, für die Wände wurden Planken mit Keilen vom Stamm abgespalten. Als Verbindungsmittel dienten ursprünglich elastische Zweige, bis durch den Handel mit den Weißen Nägel in Gebrauch kamen.
Die Grundrissform der Bauten bildete immer ein Rechteck, dessen Proportionen allerdings unterschiedlich sein konnten. In den nördlichen Regionen entsprach der Grundriss einem Quadrat, während im Süden auch Langhäuser von mehr als 100 m Länge gebräuchlich waren, die von mehreren Familien besiedelt waren.
Die Seitenlänge der auf quadratischem Grundriss errichteten Wohnhäuser variierte zwischen 7,5 - 23 m; die übliche Größe betrug etwa 20 m. In der Mitte des Einraumhauses befand sich eine Feuerstelle, rundum an den Seiten waren die erhöht liegenden Ruheplätze angeordnet, wobei das Familienoberhaupt mit seiner Gemahlin und die älteste Tochter oft eigene abgeschlossene Kojen besaßen.
Das Wohnhaus repräsentierte die Familie und deren Stellung in der Gesellschaft. Die Bauten besaßen Eigennamen, eigene Wappen und symbolische Darstellungen der Abstammungsgeschichte in Form von Malereien mythologischer Tiere (Donnervögel, Mörderwale, Grizzlybären, Raben u.a.).
Die Tür war oft als aufgerissener Rachen gestaltet, als Warnung, dass nur Würdige eintreten dürften, ohne Schaden zu nehmen. Diese Türen besaßen nur sehr geringe Höhe; man konnte das Haus oft nur auf allen Vieren kriechend betreten. Umso größer erschien im Vergleich dazu das Gesamtbauwerk, und diese Größe war ein weiterer wichtiger Gradmesser für den Repräsentationsgehalt und den Wert des Bauwerks. Ein Sprichwort der Kwakiutl lautete: "Unser Haus ist so hoch, dass man darin den Regen nicht fallen hört".

Als gemeinsames konstruktives Merkmal der Kwakiutl-Häuser kann die Herstellung der raumumschließenden Hülle aus Planken bzw. Brettern, und die Errichtung des Primärskeletts als Rahmenkonstruktionen, bestehend aus mächtigen, manchmal überdimensionierten Stämmen, betrachtet werden. In der Konstruktion dieser Primärskelette existierten jedoch regionale Varianten.
Der Bau des Hauses begann mit der Errichtung des inneren Tragsystems: Holzstämme mit einem Durchmesser von etwa 1 m wurden paarweise an der vorderen und hinteren Seite aufgestellt und im Boden verankert (manchmal fügte man in Raummitte noch ein weiteres Steherpaar hinzu). Auf diese Stützen des Primärskeletts legte man kurze Querhölzer von gleichen Querschnittdimensionen; danach wurden die Langhölzer gehoben und auf den Querhölzern versetzt.
In der nächsten Bauphase stellte man an der Vorder- und Hinterseite je eine Planke mit etwa 10 cm Stärke und einem halben bis einem Meter Höhe auf, an deren Oberseite eine Nut gestemmt war, in welche später die Wandbretter eingesetzt werden sollten. Die Seitenwände unterschieden sich in ihrer Konstruktion dadurch, daß hier die Wandbretter anstatt in der Nut der Sockelplanke direkt im Boden verankert wurden. Gegen die Sockelplanken der Vorder- und Hinterseiten bzw. die Bretter der Seitenwände brachte man eine etwa 1 m hohe und 1,5 m breite Erdschüttung auf und stampfte sie fest. Sie bildete die umlaufende Plattform, die an der leicht geböschten Innenseite mit Brettern verschalt war. In diese Erdschüttung setzte man die Wandsteher ein, an die man giebelseitig aussteifende Querhölzer band. An den Traufseiten wurden je 2 starke Steher eingesetzt, welche die Oberschwelle trugen; Wandsteher und Oberschwelle wurden durch beidseitige Ausnehmungen kraftschlüssig miteinander verbunden. Das Türgewände bestand entweder aus starken Pfosten, oder aus Rundhölzern mit einem Durchmesser von ca. 20 cm, die im Abstand von etwas mehr als einem Meter versetzt und mit einem Sturzbalken verbunden wurden.
An den Oberschwellen und den Langhölzer des inneren Viergestells befestigte man in relativ weiten Abständen (etwa 2,5 m) Sparren von ca. 20 cm Durchmesser; darauf wurden als Konterlattung in Längsrichtung verlaufende Rundhölzer gebunden, welche die Auflager der Dachbretter bildeten.
Die letzten Bauphasen umfassten die Verschalung der Wände und des Daches. Die nötige Dichtheit gegen Regen erhielt das Dach durch die Bretterlage in der Art einer Stülpschalung; das Entweichen des Rauchs konnte durch einige lose verlegte Bretter der Rauchöffnung gesteuert werden, die man bei Bedarf mit einer Stange beiseite schob. Das regenreiche Klima erforderte allerdings eine häufige Kontrolle der Dachdeckung, wofür eine stationäre Leiter, über die man auf das Dach gelangen konnte, vorgesehen war.

Die Skelettkonstruktionen der Wohnhäuser der Kwakiutl waren nicht nur auf Grund ihrer enormen Dimensionen bemerkenswert, sondern auch deshalb, weil sie eine interessante Variante des in der indigenen Architektur Nordamerikas weit verbreiteten Viergestell-Typs darstellten. Im Gegensatz zu den sonst üblichen Dachtypen mit Walmkonstruktionen wurde hier ein Satteldachtyp realisiert, dessen Sparrenlage anstatt auf einer Firstpfette auf den Langhölzern des Viergestells ruhte. Dadurch wurde zwar die Stabilität der Dachkonstruktion durch das freie Auskragen der einzelnen Sparren im Firstbereich etwas vermindert, aber insgesamt wies eine derartige Skelettkonstruktion ein günstigeres statisches Verhalten auf als eine lineare Firstpfettenunterstützung. Überdies konnten damit die Giebelwände von Mittelstehern freigehalten werden, was die Betonung der wichtigen Hauptachse (in der sich der familieneigene Totempfahl befand) durch die Eingangsöffnung ermöglichte.

Roman Slawiczek
Jürgen Hackl
 
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