INSTITUT FÜR BAUKUNST, BAUAUFNAHMEN UND ARCHITEKTURTHEORIE  •  TECHNISCHE UNIVERSITÄT WIEN
AUSSEREUROPÄISCHE BAUKUNST  •  SEMINAR SKELETTBAUTEN DER INDIANER NORDAMERIKAS  •  Ao.Univ.Prof. DI Dr. Erich Lehner

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ZWEI-BALKEN-TYP

Perspektive

Draufsicht

Frontansicht

Seitenansicht

Querschnitt

Längsschnitt

 
SECHS-BALKEN-TYP

Perspektive

Draufsicht

Querschnitt 1
zur Frontseite

Querschnitt 2
zur Rückseite

Längsschnitt

H A I D A

 

Das Siedlungsgebiet der Haida befand sich auf den Queen-Charlotte-Inseln und dem Alexander-Archipel an der pazifischen Nordwestküste. Gewisse Parallelen sind in ihren Bautraditionen zu anderen Stämmen der Nordwestküste erkennbar, wie beispielsweise den Kwakiutl oder Nootkan.
Die Anlage der Siedlungen wurde von den spezifischen topographischen Verhältnissen der Region mit ihren zahlreichen Buchten und Fjorden bestimmt und zeigt eine für die indigene Architektur der Nordwestküste charakteristische Dorfstruktur: Die Häuser standen in Reihen am schmalen Küstenstreifen und richteten ihre Frontseiten dem Meer, ihre Rückseiten dem dicht bewaldeten Hinterland zu.
Ein markantes Charakteristikum der Haida-Siedlungen waren die vor den Wohnhäusern aufgestellten Totempfähle mit ihren Schnitzereien von Tieren, Menschen und mystischen Kreaturen. Die Pfähle, signalhaft über die Dächer der Häuser hinausragend, symbolisierten die Abstammung der zugehörigen Familien.
 
Die Wohnhäuser der Haida waren in den Boden eingetieft, wie dies auch in vielen anderen indigenen Baukulturen der pazifischen Nordwestküste üblich ist. Im Aufbau des Skeletts finden wir bei den Haida zwei unterschiedliche Konstruktionstypen: Den Zwei-Balken-Typ, der vor allem in den nördlicheren Siedlungsgebieten der Haida gefunden wurde, und den Sechs-Balken-Typ, der in den südlichen Regionen der Queen-Charlotte-Inseln verbreitet war.
 
 
KONSTRUKTION DES ZWEI-BALKEN-TYPS:
 
Der Zwei-Balken-Typ, wahrscheinlich der ältere der beiden Konstruktionstypen des Haida-Hauses, bestand aus einem Primärskelett, das sich aus einem äußerem und einem innerem Rahmen zusammen setzte.
Der äußere Rahmen, auf einem Quadrat von durchschnittlich 15 m Seitenlänge aufgestellt, bestand aus Eckstehern, Sockelplanken, Giebelplanken und Traufenplanken. Die großen Dimensionen des Hauses erforderten zimmermannsmäßige Holzverbindungen: So wurden Ecksteher und Giebelplanken durch hypertrophe Loch-und-Zapfensystem verbunden, und die Sockelplanken trugen Nuten, in denen die Wandverplankung eingesetzt werden konnte. Alle konstruktiven Hölzer des äußeren Rahmens wurden auf Rechteckquerschnitt zugehauen bzw. später gesägt, was Vorteile für die Orthogonalanschlüsse der Wandverkleidung bot.
Der innere Rahmen bestand — ähnlich wie beim Primärskelett des Kwakiutl-Hauses — aus zwei Balken in Längsrichtung, die auf je zwei an der Vorder- und Rückseite des Raumes errichteten Stehern ruhten. Auf den Längsbalken saßen zwei quer verlegte und hoch gestellte Planken als Wechsel, auf denen die Firstpfette ruhte, die im mittleren Bereich unterbrochen war, um die Rauchöffnung frei zu halten. Das innere Skelett bestand — mit Ausnahme der Wechselplanken — aus starken Stämmen, deren ursprünglicher runder Querschnitt belassen wurde. Die Steher scheinen manchmal aus halbierten und ausgehöhlten Stämmen bestanden zu haben und wiesen damit eine ähnliche Bearbeitungsweise auf wie die Totempfähle; durch das Aushöhlen verhinderte man die Bildung von Längsrissen, die durch den Trockenschwund des Holzes entstanden wären.
Äußeres und inneres Rahmenskelett wurden durch Dübelungen verbunden, in späterer Zeit auch durch Nageln.
 
 
KONSTRUKTION DES SECHS-BALKEN-TYPS:
 
Im Vergleich zum Zwei-Balken-Typ bietet der Sechs-Balken-Typ der Haida eine einfachere, aber auch wesentlich logischere und sicherere konstruktive Lösung.
Auf einen inneren Rahmen konnte hier verzichtet werden, weil die Ortgangplanken in der Nähe des Firstpunktes von Stehern in der Ebene der Außenwand unterstützt wurden. Das gesamte Gewicht der Dachkonstruktion wurde hier von den Ortgangplanken aufgenommen; auf ihnen ruhten sechs starke Stämme als Pfetten, die frei die gesamte Länge des Hauses überspannten. Die Firstpfette war im Gegensatz dazu genau so ausgebildet wie beim Zwei-Balken-Typ.
Das prominenteste Charakteristikum des Sechs-Balken-Typs war der in die Mitte der Hausfront gesetzte Totempfahl, welcher konstruktiv keine bedeutende Rolle spielte, dem Bautyp jedoch ein unverwechselbares Erscheinungsbild verlieh. Die Türöffnung war entweder asymmetrisch angeordnet, oder sie befand sich als kleines, niedriges Loch direkt im Totempfahl: Damit bildete sie eine höchst markante Eingangssituation, die dem Eintretenden eine ehrerbietig-gebeugte Haltung abzwang.

Roman Slawiczek
Jürgen Hackl
 
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