INSTITUT FÜR BAUKUNST, BAUAUFNAHMEN UND ARCHITEKTURTHEORIE  •  TECHNISCHE UNIVERSITÄT WIEN
AUSSEREUROPÄISCHE BAUKUNST  •  SEMINAR SKELETTBAUTEN DER INDIANER NORDAMERIKAS  •  Ao.Univ.Prof. DI Dr. Erich Lehner

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E R D H A U S   U N D   G R U B E N H A U S

Verschiedene Indianerstämme Nordamerikas bauten oder bauen noch heute Erdhäuser (earth lodges) und Grubenhäuser (pit houses), die in einer ausgehobenen Bodenvertiefung angelegt sind und darüber als Tragstruktur ein Skelett aus Holz besitzen, welches mit Erde bedeckt wird.
 
Archäologische Untersuchungen beweisen, dass Grubenhäuser seit mehreren Jahrtausenden in Nordamerika errichtet wurden, sowohl zum Wohnen als auch für Versammlungen und Kultzwecke. Die Idee, Bauten ins bestehende Erdreich zu integrieren, hat sich über diese enorme Zeitspanne hinweg immer wieder als vorteilhaft erwiesen. In kargen Gebieten wurde Baumaterial eingespart und der klimatisch günstige Effekt des Bauens in der Erde genutzt: Die Temperaturen des Erdreichs weisen, sowohl im Tages- als auch im Jahresablauf, einen im Vergleich zu den Außenlufttemperaturen konstanten bzw. gemäßigten Verlauf auf; Temperaturspitzen und -tiefen werden somit ausgeglichen. Übrigens kann die ausgehobene Erde als Dämmschicht für Dächer und Wände sofort wiederverwendet werden — eine sinnvolle Art ökologischen Bauens.
Worin liegen aber die Ursachen für die vielen unterschiedlichen Konstruktionsarten der Erdhütten und Grubenhäuser?
Eine entscheidende Rolle in dieser Frage spielt sicherlich das verfügbare Baumaterial. In Gebieten mit einem Baumbestand von hohen, geraden Stämmen — wie beispielsweise an der Nordwestküste — konnte man Skelettkonstruktionen mit großen Spannweiten errichten, während in Gegenden, wo nur krumme, kurze Hölzer verfügbar waren, alternative konstruktive Möglichkeiten genutzt werden mussten.
Auch die Deckung der Erdhütten variierte in verschiedenen Regionen. Während die meisten Indianerstämme Erde und eventuell zusätzlich Gras verwendeten, bedeckten die Mohave-Indianer im Tal des Colorado ihre Bauten mit Sand, und die Eskimo vermischten die Erde mit Schnee oder machten sich den isolierenden Effekt einer dünnen Eisschicht zunutze.
Abgesehen von solchen unterschiedlichen Ressourcen und klimatischen Bedingungen spielten aber auch verschiedene Mythen, Bräuche und Rituale eine wichtige Rolle bei der Konstruktion der Erdhütten. Dies zeigen vor allem die sogenannten "Tanzhäuser", deren Anlage den unterschiedlichen Riten gerecht werden mußten. Aber auch in der Konstruktion des tragenden Skeletts selbst bestand eine starke Abhängigkeit von mythologisch-kosmologischen Vorstellungen: So symbolisierten beispielsweise die vier Steher bei den Mandan die vier Säulen des Himmelsgewölbes, und bei den Hidsata stellte die Erdhütte ein Lebewesen dar, dessen Geist durch die zentralen Balken verkörpert wurde.
 
Die Analyse von Erdhütten verschiedener nordamerikanischer Indianerstämme soll uns die Augen für diese hoch interessanten Bautraditionen öffnen und dazu anregen, den Horizont unserer gewohnten Sicht von Architektur zu erweitern und uns damit Inspirationen für ein ökologisches Bauen von morgen zu geben.

Susanne Brandt
Günter
Zöhrer
 
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