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Erich Lehner

 
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DAS TIPI DER GREAT PLAINS

Tipis der Piegan-Blackfoot

"Tipi" ist ein Wort der Dakota-Indianer (Sioux) und bedeutet soviel wie "darin leben". Das Tipi war der obligate Bautyp der nomadisierenden Indianer in den Great Plains, dem Tafelland östlich der Rocky Mountains: Es ist das klassische "Indianerzelt".

Hier ist ein kurzer Einschub über den Begriff "Zelt" angebracht. Der Terminus kann unterschiedliche Bedeutung besitzen, je nachdem er als ethnologischer oder als bautechnischer Begriff verwendet wird. So bezeichnet die Völkerkunde als "Zelt" ein transportables, wiederauf- und abbaubares Bauwerk; im konstruktiven Sinn ist ein Zelt eine Struktur, die aus einem biegesteifen Skelett (im allgemeinen eine Stangenkonstruktion) und einer wandbildenden Abspannung (Tierhäute, Gewebe, Folien etc.) besteht. Durch die Verteilung der Druckkräfte auf das Skelett und der Zugkräfte auf die Wand entsteht ein Kräfteausgleich: Bei einem "Zelt" im bautechnischer Hinsicht ist weder das Skelett, noch die Wand für sich allein standfähig. Demnach sind viele der im allgemeinen Sprachgebrauch als "Zelt" bezeichneten Konstruktionen - wie beispielsweise das Tipi - in bautechnischer Hinsicht keine Zelte.

Auf Tipis gehen die ältesten archäologisch nachweisbaren Spuren von Nomadenkulturen im Gebiet der Great Plains zurück. An vielen Stellen findet man hier die sogenannten "tipi rings", kreisförmig ausgelegte Steine, die vermutlich zum Beschweren des Deckungsmaterials am Fußkreis dienten. Im Allgemeinen weisen diese prähistorischen tipi-rings Durchmesser von 4-8 m auf, und entsprechen damit den üblichen Abmessungen historischer Tipis; bisweilen finden sich jedoch auch wesentlich größer dimensionierte Ringe bis zu 25 m, die wahrscheinlich als offene Kult- und Versammlungsstätten dienten. Der Kreis spielte auch in solchen Fällen eine wichtige Rolle als Grundrißform.

Hundetravois

Pferdetravois

In gewisser Weise war das Tipi auch für den ersten Kontakt zwischen Europäern und Plains-Indianern verantwortlich. Im Jahre 1541 beobachtete ein von Francisco Vásquez de Coronado geführter Expeditionstrupp merkwürdige Schleifspuren in der Prärie, denen er folgte. Es handelte sich um Spuren von Travois (Schleiftragen), die aus Tipistangen bestanden, auf denen das Deckungsmaterial des Zeltes und die Güter der Nomaden gebunden waren: Die Stangenkonstruktion des Bauwerks diente hier also auch zu dessen Transport. 

Zu Zeiten Coronados wurden solche Travois noch von Hunden gezogen; erst später übernahm das von den Europäern eingeführte Pferd diese Aufgabe. Pferde (die von den Dakotas "shunka-wakan" = "Superhund" genannt wurden) konnten wesentlich längere Stangen transportieren als Hunde; dies wirkte sich sehr deutlich auf den Bautyp des Tipis aus; bezeichnenderweise aber nur auf dessen Größe, nicht jedoch auf die Art der Konstruktion.

Aufstellen eines Tipi-Skeletts durch Indianerfrauen

Das Skelett eines Tipi bestand aus 14 - 30 Stangen, die im oberen Drittel sich in einem unregelmäßigen Bündel kreuzten. 3 bzw. 4 Stangen bildeten dabei ein stabiles Dreibein- oder Vierbein-Grundgerüst, an das die übrigen Stangen gelehnt wurden. Obwohl ein Zusammenhang des Grundgerüst-Typs ("Dreibein-Typ" bzw. "Vierbein-Typ" mit der Größe des Tipi bestand (kleine, einfache Bauten wiesen meist ein Dreibein-Grundgerüst auf), können "Dreibein-" bzw. "Vierbein-Tipis" auch als typologisches Merkmal bestimmter Ethnien betrachtet werden: Grundgerüste mit 3 Stangen finden sich im Allgemeinen bei Stämmen der östlichen Plains (z.B. Assiniboins, Cheyenne, Dakota, Kiowa), während Grundgerüste mit 4 Stangen charakteristisch für die Ethnien der westlichen Regionen sind (z.B. Blackfeet, Ute, Comanche).

Grundrißtypen von Tipis und Schnitt durch ein Tipi

Ein auffälliges Merkmal des Tipi ist die Asymmetrie der Kegelform, die sich in einer deutlich ausgeprägten Neigung nach der dem Eingang abgewandten Seite zu bemerkbar macht. Einen funktionalen Grund dafür bildete die Lage der Feuerstelle genau im Zentrum des Bauwerks; der senkrecht aufsteigende Rauch sollte nicht im Knoten des Stangenbündels entweichen, sondern durch eine daneben liegende Rauchöffnung. Rauchklappen, die durch Stangen vom Boden aus bedient werden konnten, ermöglichten ein witterungsbedingtes Schließen der Öffnung und sorgten im geöffneten Zustand für eine zusätzliche Sogwirkung. Wenn sich nun die Rauchöffnung genau über der Feuerstelle als Zentrum befinden sollte, so mußte der Knotenpunkt der Tipistangen ausmittig zu liegen kommen. Da die Rauchklappen wegen der Sogwirkung immer an der windabgewandten Seite plaziert wurden, zeigt die Achse der schrägkegeligen Tipis in Windrichtung (meist Nordwesten). Dies bot auch in statischer Hinsicht Vorteile, da durch die weniger steilen Anstellwinkel der Lee-Stangen der Winddruck besser abgeleitet werden konnte.

Tipi-Häute (Kiowa)

Die Deckung des Tipi wurde um den Skelettkegel gebunden und am Boden mit Steinen beschwert oder mit Pflöcken befestigt. Als Deckungsmaterial verwendete man im Allgemeinen Bisonleder, das nach dem Gerben und einer längeren Zeit der Räucherung einen hohen Grad an Wasserdichtheit aufwies. Auch Baumrinden und Matten konnten als Deckungsmaterialien dienen; Textilgewebe kamen erst relativ spät, unter europäischem Einfluß, in Verwendung.

Obwohl das Tipi einem klassischen "Einraum-Haus" entsprach, existierte dennoch eine virtuelle Raumteilung, in der sich die Hierarchie der Bewohner ausdrückte. Der Rang der (Sitz)plätze war umgekehrt proportional zu ihrer Entfernung vom Eingang, den man nach Osten bzw. Südosten richtete, also der dem Wind abgewandten und der aufgehenden Sonne zugewandten Seite. Die Plätze der Kinder und Frauen befanden sich nahe der Türöffnung, weiter davon entfernt die Plätze der Männer, und die dem Eingang gegenüberliegende Seite gebührte dem Familienoberhaupt. Diese Art der Platzverteilung ist für viele Baukulturen charakteristisch, nicht nur in Amerika, sondern auch in Asien und Ozeanien.

Grundriß eines Tipi-Lagers der Kiowa und Blackfoot (historische Zeichnung)

Eine hierarchische Platzordnung drückte sich nicht nur innerhalb des einzelnen Tipis aus, sondern auch in der Zusammenstellung des gesamten Camps. Bei vielen Ethnien der nomadisierenden Plains-Indianer herrschte strenge Ordnung in der Aufteilung des Lagerkreises mit fixierten Orten für die einzelnen Clans, die Häuptlingstipis, sowie die Zeremonial- und Versammlungsorte.

Die Symbolik des Tipi ging aber weit über die Darstellung sozialer Hierarchien hinaus. So wies die Orientierung der Stangen des Grundgerüstes, die nach bestimmten Himmelsrichtungen gesetzt wurden, kosmische Bezüge auf, indem Kardinalpunkte des Sonnenlaufs hier eine besondere Rolle spielten. Darüberhinaus konnte sich auch der Gebietsanspruch des Stammes im Bau des Tipi symbolisch konzentrieren: "When we set up our lodgepoles, one reaches to the Yellowstone, the other is on the White River; another goes to Wind River; the other lodges in the Bridger Mountain: This is our land", verkündete ein Häuptling der Crow dem US-Regierungskommissär im Jahre 1873.

Der wichtigste symbolische Bezug des Tipi betraf jedoch die Grundrißform: den Kreis. Der Kreis galt als Metapher für den Kosmos und das Leben. Der zyklische Lauf der Sonne, des Mondes, des Jahres, der Lauf von Tag und Nacht prägten das Weltbild der Indianer. Der Kreis, in dem man bei Versammlungen und Beratungen zusammensaß, war auch das Symbol der Zusammengehörigkeit von Stamm und Familie.

Die Bedeutung des Tipi ging damit weit über seine bloße Funktion als Wohnstätte hinaus. Es galt als Symbol des Kosmos ebenso wie als Symbol der Zusammengehörigkeit der Familie, während das Tipi-Camp in größerem Rahmen die Gemeinschaft des Stammes symbolisierte.